Bikepacking-Setup vs. Radreise-6-Bag: Was ist der Unterschied?

Bikepacking

Ist Bikepacking nur ein neuer (Marketing-) Begriff für Radreisen? Was der Unterschied zwischen einem Radreise-6-Bag und einem Bikepacking-Setup ist erfahrt ihr in diesem Artikel.

Was ist Bikepacking?

Bikepacking verbindet Outdoor-Erlebnisse mit der Begeisterung fürs Radreisen. Für mich ist es das Ultraleicht-Trekking beim Radfahren. Minimalistisch wird Ausrüstung mit Erfahrung und auch ein Stück weit Komfortverzicht zugunsten des unbeschwerten Unterwegs-Seins ersetzt. Das ermöglicht es Rad und Strecke nach Lust und Laune auszuwählen.

Fahrspaß und Naturerlebnis, gerne auch abseits von Straßen und asphaltierten Radwegen auf Schotter, unbefestigten Straßen oder Singletracks, stehen im Mittelpunkt. Bikepacking überträgt das Abenteuer vom Trekking aufs Rad.

Dafür werden die im Verhältnis kleinen Packtaschen direkt am Rahmen befestigt, auf Gepäckträger und voluminöse Packtaschen wird gerne verzichtet. In Summe erhält man so trotz Ausrüstung die Agilität des Rades. Schwere und unhandliches Räder setzen der Routen- oder Streckenwahl keine Grenzen.

Bikepacking eröffnet ganz neue Horizonte – für mich eine ideale Spielwiese für Mikroabenteuer direkt vor der Haustür.

Der direkte Vergleich

Spaß kann man auf jedem Rad und mit verschiedensten Taschen-Setups haben – eben je nachdem was einem selbst am besten taugt. Aber wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen den Taschenarten?

Bikepacking-Setup

Bikepacking-Setup

Radreise-6-Bag

Radreise-6-Bag

TaschenLenkerrolle, Satteltasche, Rahmentasche, Cockpittasche, Gabeltaschen2 Backroller, 2 Frontroller, Lenkertasche, Querrolle
RadtypenGravelbike, Mountainbike, RennradReiserad, Trekkingrad
EinsatzgebietOffroad, Gravel, Singletrails, unbefestigte Straßen, Radwege, StraßenRadwege, Straßen, gute Schotterwege
Ausrüstungminimalistisch, ultraleichtklassisch, komfortorientiert
Vorteile
  • leicht
  • agiler Fahrspaß
  • weniger Energieverbrauch
  • Aerodynamisch
  • Streckenfreiheit
  • günstig
  • längere autarke Reisen möglich
  • Quick-Release-Systeme
  • großes Packvolumen
  • große Tragfähigkeit
Nachteile
  • teure Taschen
  • braucht Erfahrung
  • schnelle Demontage nur mit Holstersystem
  • schwer
  • hoher Windwiderstand
  • mehr Kraftaufwand
In der Praxis können sich beide Formen je nach persönlichen Vorlieben natürlich gerne auch mal vermischen. Oft werden z.B. Gepäckträger auch ans Mountainbike montiert, wieder andere sind mit einem Rucksack unterwegs und nicht jeder Radreisende nutzt immer 6 Taschen.

Unterschiede im Detail

Ausrüstung

Bei der Ausrüstung fällt es mir leicht den Unterschied auszumachen. Bikepacking ist wie oben schon beschrieben das Ultraleicht-Trekking beim Radfahren. Einfach mit möglichst wenig Ausrüstung unbeschwert unterwegs sein. Die leichte Ausrüstung erlaubt es Rad und Strecke frei zu wählen.

Ob ein leichtes und agiles Gravelbike, ein noch leichteres Rennrad für lange Strecken auf der Straße oder ein Mountainbike für anspruchsvolle Singletrails. Die ultraleichte Ausrüstung macht es beim Bikepacking möglich.

Der günstigste Einstieg in mehrtägige Touren dürfte aber mit klassischen Radreisetaschen gelingen. Schließlich haben Trekkingräder, die sich von Haus aus gut für erste Radtouren eignen, nach wie vor den größten Marktanteil.

Einsatzgebiet

Auf welchen Wegen man unterwegs ist macht einen großen Unterschied. Auf asphaltierten Radwegen kann man an sich mit jedem Rad reisen, auf einem Singletrail sieht es dann aber schon anders aus. Klarer Vorteil fürs Bikepacking. Die Taschen mit ihrer minimalistischen Ausrüstung können einfach an nahezu jedem Rad befestigt werden ohne die Fahreigenschaften zu sehr zu beeinflussen. Damit kann man immer zum richtigen Rad für die Tour greifen. Egal ob zu Gravelbike, Rennrad oder Mountainbike.

Mit dem Reiserad auf klassischen Radreisen ist man vor allem auf Radwegen, Straßen und (guten) Schotterwegen unterwegs und nimmt in Kauf einen Anstieg oder schlechten Weg etwas schneller zu schieben.

Fazit: Bikepacking ermöglicht es Strecken abseits von gewohnter Radreise-Infrastruktur für mehrtägigen Touren zu wählen.

Packtaschen

Der sichtbarste Unterschied zwischen Bikepacking und Radreisen sind die Taschen. Diese werden im Gegensatz zum Radreisen direkt am Rahmen und nicht an Gepäckträgern befestigt.

Es gibt natürlich unzählige unterschiedliche Packtaschen auf dem Markt. Um die Unterschiede zu zeigen habe ich einfach mal die jeweils wasserdichten Bikepacking-Taschen den klassischen Radreisetaschen vom gleichen Hersteller, hier Ortlieb, gegenübergestellt.

Bikepacking-TaschenRadreise-Taschen
TaschenSeatpack Large - 16,5l
Handlebar Medium - 15l
Framepack Toptube - 4l
Cockpit-Bag - 0,8l
2 Basic Roller Classic - je 20l
2 Sport Roller Classic - je 12,5l
Rack-Pack - 31l
Ultimate Six Classic - 7l
BefestigungSpannriemen am RahmenQuicklock-System an Gepäckträgern
Gesamtvolumen36,3l108l
Gesamtkosten327,- €385,-€
Preis / Liter9 €3,56 €

Da Bikepacking-Taschen i.d.R. fest am Rahmen verzurrt sind bleibt nicht benötigte Ausrüstung auch mal über Nacht in der Tasche. Ausnahme sind Holstersysteme für Sattel- und Lenkertasche wo nur das Holster am Rad bleibt während man den Packsack entnehmen kann.

Fazit: Wer viel Volumen benötigt oder seine ganze Ausrüstung mit ins Zelt nehmen will wird mit den klassischen Radreisetaschen glücklicher.

Aerodynamik

Die Aerodynamik beim Bikepacking verbessert sich tatsächlich immerhin um 7-8% im Vergleich zu einem Set mit klassischen Front- und Backrollern. Bei mehrtägigen Touren im Gelände oder mit vielen Höhenmetern sicher eher ein Nebeneffekt, aber dennoch ein positiver auf Seiten des Bikepacking. Wenn Du vom Rennrad kommst und lange Strecken mit Gepäck fahren willst kann das vielleicht der entscheidende Faktor für dich sein.

Für Offroad-Radtouren wohl eher nebensächlich, aber auf befestigten Wegen ist man beim Bikepacking aerodynamischer unterwegs.

Versorgungsunabhängigkeit

Autark auf Tour zu sein, also möglichst ohne Zivilisationskontakt zur Nachversorgung, ist sicher für den ein- oder anderen reizvoll. Während uns Bikepacking einen Vorteil in Reichweite und Routenwahl, z.B. zur nächsten Trinkwasserquelle, verschafft hat man beim Packvolumen für Vorräte beim Radreisen Vorteile. In Summe leichter Vorteil für das klassische 6-Pack beim Radreisen wie ich finde.

Für lange autarke Reisen bringt man am Reiserad mehr Vorräte unter, beim Bikepacking ist man in der Routenwahl flexibler.

Energieverbrauch

Oft hört man im Bezug auf Radreisen dass hier das Gewicht im Gegensatz zum Trekking keine Rolle spielt. Da ich vom Trekking komme bei dem ich vor allem durch die gern gegangenen Höhenmeter schon seit jeher auf das Gewicht meiner Trekking-Packliste geachtet habe hat mich diese Aussage schon immer irritiert. Um dem Ganzen auf Grund zu gehen habe ich mich mal näher mit der Thematik beschäftigt.

Spielt das Gewicht beim Radeln wirklich keine Rolle? Ich habe es mit Hilfe eines Leistungsrechners mal genauer angesehen. Bei einer Streckenlänge von 80 km, 1000 Höhenmetern und 12 kg Gewichtsunterschied (Ausrüstung + Rad) ergibt sich bei sonst gleichen Variablen folgender Energiebedarf:

  • Bikepacking-Setup (Rad + Ausrüstung = 18kg): 140 Watt
  • Reiserad + 6-Bag (Rad + Ausrüstung = 30kg): 154 Watt

Selbst bei diesem niedrig angesetzten Unterschied im Ausrüstungsgewicht sieht man schon einen Unterschied um die 10% in der nötigen Leistung. Realistisch betrachtet packt man beim Radreisen mit Front- und Backroller aber gerne auch mal mehr Differenz an Ausrüstung in die Packtaschen und auch das Rad wiegt gerne mal etwas mehr. (Habe erst kürzlich wieder von einem Radreisenden mit 38kg (!) Gepäck in den Taschen gelesen. Das wäre dann im Vergleich zu meiner Bikepacking-Ausrüstung ein ca. 30% höherer Energiebedarf.)

Je mehr Höhenmeter desto mehr hilft einem die Gewichtsreduzierung beim Bikepacking über die Berge.

Wer minimalistisch unterwegs ist spart auch auf dem Rad Energie – spätestens am Berg ein nicht zu verachtender Vorteil.

Fazit

Bikepacking ist nicht besser als Radreisen (englisch „bike touring“ oder auch „bicycle-touring“) und es ist auch kein reiner Marketingbegriff. Es ist einfach nur eine etwas andere Spielart mit dem Rad unterwegs zu sein. Analog zum Ultraleicht-Trekking reduziert man beim Bikepacking das Ausrüstungsgewicht und kompensiert das mit Erfahrung und auch ein Stück weit Verzicht. Fahrspaß und Outdoor-Erlebnis stehen hier einfach mehr im Mittelpunkt.

Mein Meinung: Wenn Du Lust am Radfahren hast greife einfach zu dem was Dir selbst mehr Spaß macht oder was zu Deinen Tourideen am besten passt. Ob nun mit Bikepacking-Taschen, Radreise-6-Bag, einer Mischung oder nur einzelnen Taschen – Hauptsache Du hast viel Spaß auf Deinen Touren!

 

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